Eltern sein: Eine Reise ins eigene Ich

- Kategorie : Familienleben
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Kinder fordern uns heraus. Mit schlafwandlerischer Sicherheit treffen sie in unsere Schwächen. Und wer bereit ist, kann dadurch wachsen – gemeinsam mit seinen Kindern. 

Als mein großer Sohn noch klein war, war ich reichlich überfordert. Der Alltag auf den Kopf gestellt, mein Leben umgekrempelt und mein Wunschbaby so ganz anders als erwartet. Erwartet hatte ich, dass Babys süß sind, kuschlig sind und viel schlafen. Punkt 1 und 2 haben auch voll zugetroffen. Aber das mit dem viel schlafen ... wer immer meinte „Schlafen wie ein Baby“ kann kein Kind gehabt haben. 

Viel weinen ... das wär’s schon eher gewesen. Irgendwie hatte niemand bis dato erwähnt, dass Babys so viel weinen können, so ausdauernd, so ohne dass du verstehst warum das so ist. 

Nie hätte ich erwartet, dass ich mein kleines Wunschkind im Arm halte und es sich nicht beruhigen kann. Auch nicht, dass ich mein kleines Wunschbaby schon gar nicht für einen Moment in sein liebevoll vorbereitetes Bettchen legen kann, weil das Weinen sich dann herzzerreißend steigert. 

Wo ist die Gebrauchsanleitung für mein Baby?

So nach und nach habe ich begonnen, mich durch viele Ratgeber zu wühlen, habe viel gelesen, womit ich gar nichts anfangen konnte und dann doch auch vieles, was mir das Verhalten meines Babys logisch erscheinen ließ. Aha-Erlebnisse waren etwa die Bücher „Das 24-Stunden-Baby“ von William Sears oder „In Liebe wachsen“ von Gonzales. 

Wenn aus Babys Kleinkinder werden, geht die Reise weiter – und als mein Großer im Alter von 2 Jahren seine renitente Phase erreicht hatte, war ich wieder ratlos. Und da bin ich auf Jesper Juul und sein Buch „Das kompetente Kind“ gestoßen (in der neuen Auflage „Dein kompetentes Kind“). Das Buch, das ich begonnen hatte zu lesen, um „mein Kind zu reparieren“ hat sehr viel in mir bewegt. Während des Lesens wurde es zu einem Buch über mich. Es war für mich eine echte Schlüsselerfahrung. Und mit dieser Erfahrung wurde mir bewusst: 

Wenn Du Kinder bekommst, beginnt eine Reise ins eigene Ich.

Nie zuvor habe ich mich so bewusst mit den Mechanismen meiner Kindheit, meinen eigenen Erfahrungen und – mir selbst – auseinander gesetzt. Unbewusstes wurde mir plötzlich klar, Erfahrungen und Einstellungen habe ich völlig neu bewertet. 

Heute sage ich immer: Mein Großer war mein kleiner Lehrmeister. Er hat mir nicht nur viel über die natürlichen Bedürfnisse von Babys nach körperlicher Nähe beigebracht. Er hat mir auch viel über das Leben und über mich beigebracht – durch seine Beharrlichkeit, sein Nicht-klein-beigeben, seine Kompromisslosigkeit. 

Mit Kindern wachsen 

Nachträglich kann ich sagen: Ich bin mit meinen Kindern gewachsen, und ich denke, das ist eins der Geschenke, die dein Kind dir machen kann – wenn du bereit bist, es anzunehmen. 

Um diese Geschenke geht es auch im Buch „Mama, nicht schreien“ von Sandra Teml-Jetter und Jeannine Mik. Während der Titel nahelegt, es ginge darum, verbale Gewalt gegenüber Kindern zu vermeiden, geht dieses Buch viel, viel tiefer. Schreien ist nur einer der Automatismen, die in unserer Erziehungswelt ablaufen. Ein Automatismus, den man oft schon als Kind gelernt hat und den man durchaus durchbrechen kann. Und soll. 

Die Wut in Dir bezähmen 

Wie das geht, das beschreiben die Autorinnen mit der plakativen Formel CIA – Cut, Imagine, Act. 

C – Cut: Kurz zusammengefasst gilt es zu versuchen, die Gefühle, die in herausfordernden Situationen in dir hochkochen, diesen Wutkörper zu erkennen. Dann gilt es, ganz bewusst Stopp dazu zu sagen. Stopp zu dem Automatismus, der dir schon wenige Minuten später vermutlich schon wieder leid tut.  Eine schwierige Sache, eine, die Übung braucht. Ein Stopp, der vermutlich nicht immer klappt. Aber immer besser. 

I – Imagine: Dann versuchst du dir vorzustellen, wie du jetzt im Automatismus reagieren würdest. Wie wäre der Ausgang? 

A – Act: Du willst anders reagieren? Jetzt hast du die Chance dazu. 

Oder du hast auch die Chance zu sagen, dass du darüber wirklich erst nachdenken musst. 

Einfach darüber Nachdenken

Denn auch das ist als Mama und Papa legitim: Nicht gleich die richtige Antwort zu kennen. Das war auch eine der Informationen, die ich aus meiner späteren Ausbildung bei Jesper Juul mitgenommen habe: Als Mama musst du nicht die allwissende Morla sein. Du kannst manchmal auch noch keine Antwort haben. Du kannst auch beschließen, dass du das zuerst mit deinem Partner besprechen willst. Oder darüber nachdenken möchtest. 

Auch das ist ein Automatismus, den wir als Eltern bewusst durchbrechen können: Dass wir immer sofort für alles eine Antwort und Lösung haben müssen. Kinder können mit einem „lass mich darüber nachdenken“ oft sehr gut umgehen. Und es schafft genau den Handlungsspielraum, den wir im Automatismus oft nicht haben. 

„Mama nicht schreien“ ist eins der Bücher, die Eltern in stressigen Alltagssituationen wirklich weiter helfen können. Eins der Bücher, die dich wieder ein Stück weit auf deiner Reise begleiten können. Lese-Empfehlung!

Es gibt keine perfekte Mama

Am Ende ist für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse aus inzwischen 14 Jahren Mama-sein: Es gibt sie nicht, die perfekte Mama oder den perfekten Papa. Und Kinder brauchen auch keine perfekten Eltern. 

Kinder brauchen Eltern, die sich täglich bemühen, aus Liebe. Eltern, die ihre Lebenserfahrung einbringen, die aber auch Fehler eingestehen können. Eltern, die sich auch mal entschuldigen können und vor allem: Eltern, die mit ihnen gemeinsam wachsen und sich entwickeln wollen. 

Eine Gebrauchsanleitung für meine Kinder hab ich bis heute nicht gefunden. Aber immerhin: So einige wertvolle Tipps, Erfahrungen und Erkenntnisse. 

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