Babys verwöhnen – Schluss mit dem Geschwätz von Tyrannen

- Kategorie : Familienleben
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„Erziehungsfalle Verwöhnung“, „Wenn Kinder Tyrannen werden“, „Übermäßiges Verwöhnen und Beschützen schadet Kindern“ – das sind nur ein paar der Titel unzähliger Artikel, die Eltern mit erhobenem Zeigefinger vor dem „gefährlichen“ Verwöhnen ihrer Babys und Kleinstkinder warnen. Erst 2008 wurde mit dem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ ein Bestseller gelandet.

Aber was ist eigentlich wirklich dran an der Angst vieler westlicher Eltern, sie könnten ihr Baby durch Verwöhnen zu einem ekelhaften Tyrannen verziehen – und wie viel davon ist eigentlich Resultat einer von politischen und Machtinteressen gesteuerten Gesellschaftspolitik?

Die alte Angst vor dem Verwöhnen

Tatsache ist, die Angst in unserem Kulturkreis vor dem Verwöhnen ist alt. Da wird befürchtet, ein verwöhntes, verzogenes Kind fällt später im Alltag durch, kann sich nicht selbst helfen, wird abhängig von anderen, ausgeliefert. Die elterliche Angst vor dem Verwöhnen ist zukunftsgerichtet – Eltern möchten ihre Kinder fit fürs Leben machen – sie sollen sich später mal „durchbeißen“ können, dranbleiben, stärker sein als andere, erfolgreicher und damit abgesichert. Und schließlich kommt der Gedanke hinzu, dass man sich als Elternteil im „Machtkampf“ mit dem Kind doch durchsetzen muss, sonst tanzt einem der Nachwuchs glatt auf der Nase rum.

Wer sich die Warnungen vor dem Verwöhnen aber genauer ansieht, findet recht bald heraus, dass besonders in der Zeit des NS-Regimes Mütter vehement aufgefordert wurden, ihre Kinder nicht zu verwöhnen, bloß nicht zu verhätscheln, nicht zuviel hochzunehmen. Denn… Schreien kräftigt die Lungen und, so schreibt Johanna Haarer, Erziehungs-Chefideologin der NS-Zeit nach Ausschluss aller der Körperpflege zugänglichen Gründe für Babyschreien (wie Hunger, Kälte oder Wundsein): „Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszuheben, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt und gefahren wird - und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig. […] Das Kind wird nach Möglichkeit an einen stillen Ort abgeschoben, wo es allein bleit und erst zur nächsten Mahlzeit wieder vorgenommen. Häufig kommt es nur auf einige wenige  Kraftproben zwischen Mutter und Kind an – es sind die ersten! – und das Problem ist gelöst.“ (aus „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, S. 173).

Brave Soldaten erziehen

Tatsächlich stand hinter dieser NS-Erziehungs-Ideologie ein klares machtpolitisches Anliegen: Gehorsamkeit, Abhärtung, Unterwürfigkeit gegenüber Obrigkeiten – mit dem Ziel, gute Soldaten zu erziehen.

Bis in die 1980er Jahre waren Haarers Bücher Bestseller, wenngleich sie nach dem Krieg „bereinigt“ wurden, blieb die Grundideologie erhalten und wirkt bis heute in den Kinderzimmern nach. Unglaubliche 1,2 Millionen Mal wurde Haarers Buch über die deutsche Mutter verkauft.

Der Hinweis auf das schädliche Verwöhnen von Babys und Kleinkindern darf somit durchaus berechtigt hinterfragt werden.

Co-Schlafen, Stillen, Nähe – ist das Verwöhnen?

Der Begriff „verwöhnen“ wird in vielfältigen Beziehungsbelangen inflationär verwendet und beginnt schon bei neugeborenen Babys. Wie viele von uns kennen Sätze wie diese:

„Wenn Du bei jedem Mucks rennst, verwöhnst du es“ oder „Wenn Du es immer trägst, wird es nie laufen“ oder „Ein Baby muss auch warten lernen“....

Tatsache ist: Neugeborene Babys haben nicht gerade vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten, um Unwohlsein, Hunger oder Angst zu vermitteln. Wer sein Kind sehr genau beobachtet kann oft Äußerungen beobachten, die vor dem Weinen erfolgen – schmatzen, einen besonderen Gesichtsausdruck, bestimmte Laute. Oft gehen diese Hinweise aber im Alltagsgetöns, in der Kommunikation mit anderen Familienmitgliedern oder schlicht in der Nacht unter. Weinen ist dann der klare Hinweis eines Babys, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Wird nun ein Baby, das hungrig ist und gestillt oder gefüttert wird verwöhnt? Nein. Da ist schnell Konsens hergestellt. Ebenso bei einem Baby mit wundem Po.

Sobald wir aber aus den rein grundlegenden körperlichen Belangen hinaus kommen, beginnen sich die Geister sehr schnell zu scheiden.

  • Wird ein Baby, das nicht allein schlafen will, verwöhnt durch das Familienbett? Da scheiden sich schon die Geister. - „Das Kind muss ja irgendwann mal allein schlafen können“.
  • Wird ein Baby, das das Stillen braucht, um sich zu beruhigen verwöhnt? - „Du kannst das Kind ja nicht ständig stillen“
  • Ist ein Baby, das getragen werden möchte, verwöhnt? – „Dauernd schleppst Du das Kind rum, das muss ja auch mal lernen, sich allein zu beschäftigen“

Hand aufs Herz, wie oft habt ihr solche Sätze schon gehört.

Kein echtes Bedürfnis?

Die Behauptung, ein Baby wird verwöhnt, unterstellt immanent, dass das Kind kein echtes Bedürfnis hat.

Betrachtet man aber einen Säugling, so stellt sich sehr schnell heraus: Allein gehen, ist wohl eher nicht. Allein gelassen ist ein Säugling völlig hilflos. Und einig sind wir uns alle bei dem Satz „Das Baby ist eine physiologische Frühgeburt.“

Wenn das aber alles nun so ist – warum sollte dann das daraus als Konsequenz resultierende Erfordernis der unbedingten Zuwendung der Bezugspersonen zum Baby plötzlich ein unangebrachtes Verwöhnen darstellen? Das ist doch unlogisch.

Aus meiner Sicht beginnt verwöhnen dort, wo Aufgaben stetig weiter von Eltern übernommen werden, die ein Kind an sich schon allein schaffen kann. Davor ist es schlicht unmöglich zu verwöhnen.

­­Insofern ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass Babys Tyrannen werden, wenn sie nach Bedarf gestillt werden, getragen werden oder ihrer Natur als hilflosem Wesen entsprechend nachts nicht allein zurück gelassen werden. Vielmehr ist doch zu erwarten, dass Kinder, deren wesentliche Bedürfnisse gestillt werden, dadurch gestärkt werden, sich als geliebt und liebenswert empfinden und so auch später in der Lage sein werden, auf die Gefühle ihrer Umwelt empathisch zu reagieren.

Verwöhnen beginnt viel später und hat seinen Ursprung wohl weniger in einem Bedürfnis des Kindes als in dem Wunsch von Erwachsenen, unabkömmlich und wichtig zu sein. Ein Wunsch, der vielleicht seine Ursachen in erlittenen Defiziten in der eigenen Kindheit der Erwachsenen begründet hat.

Kann Stillen nach Bedarf Kinder verwöhnen sein?

Stillen ist einerseits Nahrungsaufnahme und insofern vom Verwöhn-Verdacht befreit. Sobald es aber darum geht, ein Baby in den Schlaf zu stillen oder zur Beruhigung zu stillen, werden kritische Stimmen schnell laut. Das sei kein Stillen nach Bedarf mehr. Tatsache ist aber, dass Kinder in den ersten Lebensjahren ein ausgeprägtes Saugbedürfnis haben. Dieses Saugbedürfnis verfolgt einerseits den Zweck der Nahrungsaufnahme, andererseits aber erwiesener Maßen auch den der Beruhigung. Schon im Mutterleib nuckeln Babys am Daumen. Zur Nahrungsaufnahme kann das ja wohl eher nicht dienen.

Entdeckt man diese schon natürlich angelegte Doppelgleisigkeit des Saugens, erübrigt sich der Generalverdacht des Verwöhnens. Tatsächlich sind Schnuller genau auf diesen zweiten Effekt des Stillens ausgerichtet und erweisen sich bei vielen Säuglingen (sic!) als weitgehend gesellschaftlich akzeptiertes Helferlein (durchaus kritisch schreibt über den Brustersatz Schnuller Kinderarzt Renz-Polster).

Kann das Schlafen im Familienbett verwöhnen sein?

Wann Babys durchschlafen sollten und was durchschlafen überhaupt ist, scheidet bekanntlich die Geister. Ich selbst habe vier Kinder, und jedes hatte einen eigenen „Schlafstil“, wenn man es so nennen möchte. Was ich aber nach vier Kindern gelernt habe ist: Ein Kind schläft durch, wenn es soweit ist. Zugegeben: Schlafprogramme habe ich nie durchgezogen – die viel propagierten Patentlösungen konnten mich eigentlich nie überzeugen, mein Herz und meine Ohren so weit dicht zu machen, dass ich da durchgehalten hätte.

Trotzdem haben all meine Kinder begonnen durchzuschlafen – der eine früher, der andere später. Und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sie das Familienbett von selbst verlassen. Nichts also mit der Angst, „die nie mehr aus dem Elternbett zu bekommen“.

Erwiesen ist, dass Babys allein gelassen hilflos und pointiert auf den Punkt gebracht zum Sterben verurteilt sind. Das klingt jetzt übertrieben. Ist aber so. Ein allein gelassenes Baby kann nicht überleben. Und genau das ist im kindlichen Gehirn auch so programmiert. Ein Baby, das also allein gelassen weint, ist kein Tyrann sondern in höchster – und begründeter – Panik.

Schlafen im Familienbett ist ebenso wie körperliche Nähe, Tag und Nacht, kein Verwöhnen sondern entspricht einem Grundbedürfnis von Babys.

Kann Tragen verwöhnen sein?

Mehr als ein Mal wurde in öffentlichen Verkehrsmitteln meinen getragenen Babys attestiert „Na, du bist aber verwöhnt.“ Das war gar nicht bös gemeint, ist aber einfach so in den Köpfen der Leute.

Aber mal banal gefragt: Kann ein Baby laufen? Eher nicht. Sieht man sich die Reflexe eines Babys an, so zeigt sich sehr schnell, dass Menschenbabys für das Tragen gemacht sind. Babys ziehen instinktiv die Beinchen an, wenn sie hochgehoben werden, bereit, um sich an den Körper des Erwachsenen anzuhocken. Und logisch zu Ende gedacht ist Tragen auch die Möglichkeit, die die Natur vorgesehen hat, dass Babys nicht allein und schutzlos zurückgelassen werden. Auch das Tragen ist somit eine von der Natur für Menschenkinder vorgesehene elterliche Verhaltensweise.

Spätestens wenn Kleinkinder zu laufen beginnen mehren sich dann Äußerungen der Art: „Na, wenn das Kind laufen kann, soll es auch laufen.“ Tatsache ist, dass dieselben Personen ihre Kleinstkinder dann im Buggy durch die Gegend kutschieren, was im aktuellen gesellschaftlichen Konsens akzeptierter ist als das Tragen.

Tatsache ist aber: Kann ein Kleinstkind schließlich laufen, so bedeutet das noch lange nicht, dass es die Koordinationsfähigkeit hat selbst zu laufen, gleichzeitig seine Umgebung im Blick zu haben, gleichzeitig seine Mama im Blick zu haben und dabei noch schnell genug unterwegs zu sein. Gonzales beschreibt das in seinem Buch "In Liebe wachsen" sehr treffend.

Dennoch hält sich die Meinung hartnäckig: Der kann ja laufen, also wozu trägst du ihn noch?

Die Antwort ist ebenso banal wie bei einem Baby: Weil er nicht schnell genug und nicht weit genug laufen kann. Und ganz oft: Weil mein Zeitplan es gar nicht zulässt, dass er jetzt den ganzen Weg läuft. Das Tragen von Kleinkindern, die schon laufen können, ist damit auch kein Verwöhnen.

Tatsache ist, dass Eltern von laufenden Metern, die getragen werden vermutlich weniger oft zur unnötig Trage greifen werden als Eltern, die mit ihren Kindern einen Buggy benutzen zu diesem rollenden Hilfsmittel. Tragen reguliert sich damit ganz von selbst und bedarf keiner Sorge um unnötiges Verwöhnen.

Bedürfnisse sind naturgegeben

Bedürfnisse von Babys und Kleinstkindern sind weder Resultat ihres Willens noch Ergebnis einer falschen Nachgiebigkeit. Sie sind naturgegeben und von Natur aus ist die Erfüllung dieser Bedürfnisse vorgesehen. Alles andere ist Vernachlässigung.

Wo aber verläuft die Grenze zwischen Bedürfnissen und Wünschen? Zwischen Erfüllung von Notwendigem und dem Verwöhnen. Das ist sicherlich im Alltag oft nicht leicht zu beantworten. Für mich habe ich aber die Regel gefunden, dass Bedürfnisse an dem Punkt in Wünsche übergehen, wo ihre Erfüllung nicht mehr elementar ist. Ein Neugeborenes, das allein gelassen ist, weint, weil es ohne Erwachsene nicht überleben kann. Es braucht Nähe, Körperkontakt, Tragen. Unbedingt. Ein Einjähriger, der an meinen Beinen hängt und unbedingt will, dass er mich jetzt in diese oder jene Richtung schieben kann (quasi als Gehhilfe), hat kein elementar zu befriedigendes Bedürfnis sondern einen Wunsch. Und diesen Wunsch kann ich ihm gern mal erfüllen. Muss ich aber nicht.

Die elterliche Erfüllung von kindlichen Bedürfnissen steht stetig unter dem Generalverdacht des Verwöhnens – sollte sie aber nicht. Weiter gedacht, sollte aber auch nicht gleich jedes Verwöhnen als der Anfang vom Ende diabolisiert werden. Verwöhnen kann eine schöne Sache sein. Wer will nicht mal „verwöhnt werden“.

Nein sagen können

Wesentlich ist, dass Eltern in der Lage sind, auch guten Gewissens Nein zu sagen. Erst dann wird aus dem Verwöhnen ein bewusst gewolltes Geben. Ein positives Geschenk, das hie und da schlicht das Herz erwärmt.

Wann werden aus Kindern Tyrannen?

So ganz genau kann ich das eigentlich nicht sagen – aus meinen vier Jungs, die allesamt nach Bedarf gestillt und getragen wurden und jahrelang im Familienbett geschlafen haben, wurden bislang keine Tyrannen.

Meine Theorie ist, dass Kinder dann Tyrannen werden, wenn sie zuviel vom Falschen bekommen. Geschenke statt ehrliche Zuwendung, weil dafür die Zeit fehlt. Frühförderungsprogramme und Taxi-Dienste statt einer Entwicklung in kindlichem Tempo, weil die Zukunftsangst der Eltern schwerer wiegt als der Entdeckungsdrang des Kindes.

Meine Theorie ist, dass Kinder Tyrannen werden, wenn Eltern nicht in der Lage sind, ihre eigenen Grenzen zu kennen und zu wahren und dann das Kind irgendwann nur mehr als Belastung empfinden, weil sie stetig über ihre eigenen Grenzen gehen.

Meine Theorie ist, dass Kinder dann als Tyrannen empfunden werden,  wenn ihnen frühzeitig die Befähigung abgesprochen wird, eigene Entscheidungen zu treffen, und das fängt schon bei den kleinen ersten Entscheidungen an, die ein Kind selbständig treffen kann.

Keiner meiner Jungs wollte ewig getragen werden – viel zu groß ist der Wunsch nach dem Selbst-Erkunden-Können, der „Drang in die Vertikale“, wie ich es oft auch genannt habe. Und ebenso entwickelt jedes Kind Schritt für Schritt den Wunsch, eigene Entscheidungen zu treffen. Was es isst, was es anzieht, das beginnt ganz grundlegend und entwickelt sich stetig weiter.

Meine Theorie ist, dass Kinder dann Tyrannen werden, wenn Eltern sie in dieser Entwicklung beschränken, auch wenn das noch so gut gemeint ist.

Vielleicht haben manche Eltern auch schlicht zuviel Zeit oder beziehen zuviel Selbstwert aus ihrer Unabkömmlichkeit.

Tatsache ist aber: Kinder werden nicht als Tyrannen geboren und die bedingungslose Befriedigung ihrer Bedürfnisse stellt kein Verwöhnen dar.  

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