Geburt in Zeiten von Corona oder: Ich wende mich der Welle zu

- Kategorie : Familienleben
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Wir freuen uns, heute den Geburtsbericht unseres jüngsten Buzzidils veröffentlichen zu dürfen. Wir hatten schon ein paar Tränchen in den Augen, aber lest selbst:

Ein paar Tage vor der Geburt ist mein Schleimpfropf langsam abgegangen - zumindest war das meine Vermutung (ich dachte es mir nur, denn die Konsistenz war deutlich fester als der mir bekannte Ausfluss). Google hat mir verraten, dass wenn es so sein sollte, die Geburt trotzdem noch einige Tage später beginnen könnte. 

Einerseits hatte ich das Gefühl, dass es doch noch nicht so weit sein kann, der Bauch ist ja noch gar nicht „runtergerutscht“ und so unkomfortabel fühle ich mich auch nicht. 2 Tage, bevor es losging, war ich sogar noch bei meinen Kolleginnen im Büro zum Bauchbepinseln (Kürbis für Halloween) und Fotosmachen. 

Die letzten Tage war ich zwar schon deutlich müder und einfach so viel ruhebedürftiger, als ich es sonst von mir kenne. Dem Zustand habe ich auch total nachgegeben und auch weniger telefoniert, viel meditiert, gebadet, gelesen und Yoga gemacht. Ich habe mich mit Hypnobirthing für die Geburt vorbereitet, mein Partner genauso und das beginnende Herbstwetter hat zum Kuscheln eingeladen.

Eines Abends habe ich meinen Partner A. von der Abendschule abgeholt, 20 Minuten zu Fuß, das sollte gut gehen für einen hochschwangeren Spaziergang. Gott sei Dank aber ist er mir schon entgegengekommen, denn die Senkwehen/Übungswehen, so dachte ich zumindest, waren recht heftig geworden, mein Ischias  und meine Vulvavarizen waren auch nicht mehr so happy. Nach 10 Minuten machten wir uns gemeinsam auf den Heimweg. Daheim angekommen ging’s direkt ins Bett, das würde wohl guttun. Wahrscheinlich bin ich heute einfach zu viel gesessen (beim Essen kochen, um es fürs Wochenbett einzufrieren), dachte ich noch.

Es klingt vielleicht so, als wären diese Schwangerschafts-Begleiterscheinungen schrecklich gewesen, tatsächlich konnte ich mit ihnen aber recht gut umgehen. Ich wusste, was ich mir zutrauen konnte und wann ich mir Ruhe gönne sollte.

Während A. sich also für die Nacht fertigmachte, legte ich mich sofort ins Bett, Beine hoch und Entspannungsmusik an. Die Wellen von Druck hörten aber nicht auf und ja, plötzlich kamen sie in regelmäßigen Abständen. Mittlerweile war es 22 Uhr und um 23 Uhr kamen sie 1 Stunde lang im 5-Minutentakt. 5 Minuten?! Ich dachte, ich werde total lange und gechillt zu Hause sein, meditieren, in Selbsthypnose gehen, vielleicht sogar schlafen, auf der Couch die Wellen veratmen, bis es dann ab ins Spital geht. Nix da! Bei 5 Minuten wollte ich beim 1. Kind nicht drauf ankommen lassen, also hat mein Partner den Rettungsdienst angerufen. 

Coronabedingt wahrscheinlich hat es fast 90 Minuten gedauert, bis jemand da war. Kurz dachte ich schon, dass das auch eine Hausgeburt werden könnte. Irgendwie nett, der Gedanke. Aber nein, 3 nette Sanis holten mich ab. Zu der Zeit konnte ich nur noch zwischen den Wellen selbstständig gehen und wurde deshalb in so einem speziellen Sitz zum Rettungsauto gebracht. Dort habe ich eine Meditation eingeschaltet, drum gebeten, dass man das Licht ausschalte und nicht allzu viel rede. Ich wollte einfach ganz bei mir sein. Das wurde akzeptiert und die Fahrt verlief, obwohl rumpelnd, recht ruhig, A. an meiner Seite, meine Hand haltend und gefühlt erst wieder loslassend, als unser Sohn 21 Stunden später auf die Welt kam.

Im Spital angekommen wurde ich auf mein Wunschzimmer mit Geburtswanne gebracht (halleluja, es war frei!). Bis ich es in die Wanne geschafft habe, sollten noch ein paar Stunden vergehen, in denen ich mich übergeben habe (Hallo, Krautfleckerl, brauch ich jetzt auch eine Zeitlang nicht mehr) und mit Augenschlafmaske auf der Seite gelegen bin und die Wehen relativ ruhig veratmet habe. Gehen oder stehen, Toilettengang usw. waren keine Option für mich, ich war zu sehr mit den Wellen, die schon relativ stark waren, okkupiert. Im Übrigen habe ich A. gebeten, mich keine Sekunde zu verlassen, auch nicht um aufs Klo zu gehen (der Arme!). Ich hatte doch mehr Respekt vor der Sache als erwartet. Meine Angst war: Was, wenn ich in den 3 Minuten, in denen er weg ist, das Kind bekomme??? Im Nachhinein denke ich mir: 1. Kind, fremde Umgebung, sehr regelmäßige und immer stärker werdende Wellen… irgendwie kein Wunder, dass ich sehr ängstlich war.

Unserer 1. Hebamme Angelika hat A. die Geburtswunschliste in die Hand gedrückt.

- wenn möglich: nicht allzu viele vaginale Untersuchungen oder CTGs, alle Interventionen bitte genau erklären, fall ich mental aussteige, wie kann mich das Team am besten „zurückholen“, bestenfalls kein Dammschnitt, sondern einreißen lassen. Es waren ungefähr 5 Punkte und ein großes Danke im Voraus für das Team, dem wir unser Vertrauen schenken! In der „Hitze des Gefechts“ wollten wir einfach nicht mehr auf „die Basics“ achten müssen und haben gleich ein paar Kopien mitgenommen, um sie ggf auch einer dienstnachfolgenden Hebamme zu übergeben (noch 2 sollten sie bekommen :)).

Ich muss festhalten: Ich hatte die ganze Zeit über den Fortschritt, was Muttermundöffnung angeht, überhaupt keinen Überblick. Ich wusste nicht, welche Art von Wehen gerade „produktiv oder unproduktiv“ waren und hatte die Sicht auf die große Uhr an der Wand gleich von Beginn an ignoriert. Ich wollte mich nicht stressen lassen und bin hauptsächlich nach meinem Gefühl gegangen und war viele Stunden einfach in meiner Welt, auch wenn mir ab und zu ein mobiles CTG angelegt wurde. Nach ein paar Stunden im Bett bin ich dann in die Wanne gewandert, in der ich wiederum ein paar Stunden verbracht habe. Während all der Zeit wurden wir größtenteils „in Ruhe gelassen“. Ich hatte das Gefühl, die Hebamme vertraute unserem Prozess und wir vertrauten ihr.

Mittlerweile habe ich begonnen, mit den Wellen zu tönen, ich wurde teilweise ganz schön laut, aber sie waren so einfach leichter zu veratmen. In meinem Kopf hatte ich die Vorstellung von warmen Meereswellen, die mich umschlingen und auf denen ich und mein Kind getragen werden. Mein Mantra war „Ich wende mich der Welle zu“. Ich habe weder meine Meditationseinheit auf Spotify (ur nervig mit der Zeit, aber ich hatte keinen Kopf, A. zu bitten, sie auszuschalten) noch die Baustelle noch die Frauenschreie aus den anderen Zimmern großartig wahrgenommen. In meinem Kopf war ich irgendwann an einem sehr ruhigen Punkt angekommen, an dem ich mir u.a. dachte: Ich kann Frauen sehr, sehr gut verstehen, die Schmerzmittel haben wollen :D Ich merkte dann auch, dass mir nach ein paar Stunden Wasser einfach kühl wurde, A. auch schon ganz schief da saß und dass ich wieder gerne festen Untergrund unter mir haben wollte.

Mein Baby ist schon ganz schön tief nach unten gerutscht, das hat man am Bauch gesehen und beim Wechsel von Bad zu Bett habe ich mir nicht leicht getan. Überhaupt habe ich immer dann eine Welle bekommen, bevor ich mich umpositionierte. So als würde mein Körper sich zuerst mal drauf vorbereiten müssen, was da wohl Neues kommt. Davor habe ich übrigens in der Wanne noch versucht, mithilfe eines Tuches, das von der Decke hing, ein bisschen Entspannung ins Becken zu bringen. Ich hatte mittlerweile schon das Gefühl, verspannt zu sein. Zudem war ich seit 14 Stunden nicht mehr auf Toilette, weder groß noch klein, also die Blase war auch irgendwie „außer Gefecht“. 

Im Bett angekommen, mit neuer Hebamme, der lieben Julia, begannen wir uns schön langsam zu überlegen, wie wir es mir weiter angenehm machen könnten und mein Baby auch richtig zu positionieren, denn er war noch nicht in ganz richtiger Position. Außerdem wollten wir etwas mehr Bewegung in die Sache bringen. Hüftkreise haben mir gut getan, aber herumgehen oder in die Hocke gehen war nichts für mich. Das Team um mich ist gewachsen, es wurde sich toll um mich gekümmert und irgendwann fragte mich eine Schwester, ob ich nicht mal auf Toilette gehen wolle. Als ich offenbarte, dass ich trotz viel trinken und etwas essen noch nicht mal pinkeln war, wurde mir nach ein paar erfolglosen Pinkel-Versuchen, Katheterharn abgelassen. Da ich das schon mal in meinem Leben gemacht habe, waren die Vorstellung und auch die Umsetzung nicht allzu tragisch. Die Hoffnung war, dass der Geburtsprozess so etwas in die Gänge kommen würde. 

Mir ging es danach besser, aber nach 1 Stunde ging auch nicht wirklich was weiter, da ich schön langsam wirklich müde wurde. Ich versuchte, zu veratmen und zu veratmen, aber nach ca. 19 Stunden wurden die Wellen unregelmäßig und mir wurde Sauerstoff verabreicht. Bis jetzt ist auch meine Fruchtblase nicht geplatzt, bei der nächsten vaginalen Untersuchung war es dann aber so weit. Ich habe noch nachgefragt, ob da vielleicht „nachgeholfen“ wurde, denn unabgesprochen wollte ich solche Interventionen ja nicht, aber die Hebamme hat mir versichert, dass sie lediglich über die zum Bersten pralle Fruchtblase gestrichen hat und sie sei geplatzt. Das habe ich so hingenommen und ab da merkte ich, dass es von der Stimmung im Raum schön langsam Richtung Endphase gehen würde. 

Sie war einfach aktiver und ich wurde motiviert, gewisse Positionen auszuprobieren, damit das Baby weiter Richtung Becken rutscht, die Position war bereits die richtige. Mir wurde Mut gemacht, dass ich das auf jeden Fall schaffe. Am Rande habe ich mitbekommen, dass das Fruchtwasser grünlich sei und ab da haben bei mir innerlich die Alarmglocken leise zu läuten begonnen. Er hat also ins Fruchtwasser gemacht. War er schon sehr gestresst und auch müde? Das Team, noch immer sehr bekümmert und motiviert, hat mir nun die Zugabe von Oxytocin empfohlen. Ich habe gefragt, ob dies einen Wehensturm auslösen könnte, denn den wollte ich auf keinen Fall. Mir wurde versichert, dass die Dosierung äußerst gering gesteigert werden würde und dass es sozusagen um den letzten Energieschub gehe, denn meine und Babys Herztöne waren zeitweise nicht mehr so ideal. So ist es auch passiert und schön langsam merkte ich, wie ich bereit war nach unten zu schieben.

Unter Anleitung der Ärztin, die mir genau erklärte, wohin ich schieben sollte, hat es ein paar Presswehen gebraucht, bis mein Sohn auf die Welt gekommen ist. Das Schöne dabei: Der Papa hatte die beste Aussicht, denn er hat mitgeholfen bei der finalen Geburtsposition. Überhaupt hat er mich wunderbar begleitet. Ein Bein war gegen ihn, das andre gegen die Hebamme gestemmt, ich spürte, wie zuerst Kopf und Arm geboren wurden und er dann als Ganzes „rausflutschte“. Schmerztechnisch war das für mich weniger intensiv als die vielen Stunden zuvor in der Wanne, denn ich hatte das Gefühl, endlich richtig mithelfen zu können. Ich war währenddessen mit ihm in Kontakt und habe mit ihm auch während der Geburt gesprochen.

Er wurde mir sofort auf die Brust gelegt: Was für ein Geschenk! Er hat mein Kinn, ein mini-kleines Grübchen! Papa hat geweint, ich war so dankbar. Wir haben ihn die Brust selbst suchen und finden lassen, das war ein unglaubliches Gefühl. 3390 g, 50cm groß, ganz lange Fingernägel und 11 Tage von dem EGT. Wir haben beide die Nabelschnur durchgeschnitten (ich zuerst, erfolglos :P,  dann Papa). Die Nachgeburt, diesmal mit neuer netter Hebamme Anna, hat sich etwas Zeit gelassen, war dann unter 1 Stunde aber auch da, recht schmerzfrei. Wegen eines Dammriss’ 1. Grades und 2 Vaginalabschürfungen wurde ich genäht. Das war der doofste Teil an der ganzen Geburt, denn die Ärztin hat nicht wirklich gewartet, bis die Anästhesie gewirkt hat und es ging alles einfach Zack-zack, was gar nicht zu dieser wunderbaren, selbstbestimmten und im Team toll inszenierten Geburt gepasst hat. Der Trost für mich war: Sobald das vorbei ist, kann ich mich wieder meinem Baby widmen.

Wir waren endlich eine kleine Familie, der Trubel um uns löste sich allmählich auf und nach ein paar Untersuchungen durften wir uns einfach nur noch um ihn kümmern. Nun gab es auch Essen für mich, eine Ärztin hat mir sogar Tee gebracht und ich konnte dann auch „normal“ aufs Klo gehen, obwohl meine Blase noch beleidigt war. Gott sei Dank haben wir das OK bekommen, das Spital noch diese Nacht zu verlassen. Wir wollten gemeinsam nach Hause ins Bett. Und das haben wir dann auch gemacht. Die ganze Geburt lang hat es geregnet, fast einen Tag durch! Mein Lieblingswetter, in dem wir auch nach Hause gefahren sind.

Unseren Hebammen und dem Ärzte-Team werden wir auf ewig dankbar sein für das gegenseitige Vertrauen. Man hört ja nicht immer die schönsten Geburtsberichte, deshalb schätzen wir, dass wir Zeit, Aufklärung und eine Behandlung auf Augenhöhe erfahren durften. Welch schöner und intensiver Start in dieses neue Leben!

Corona haben wir nur zu Beginn zu 'spüren' bekommen beim Testen. Nicht unbedingt angenehm, aber aushaltbar. Ich und mein Partner blieben glücklicherweise bis zum Schluss maskenlos. Riesen Respekt vor dem Krankenhauspersonal, das uns maskiert auf dieser Reise begleitet hat. ❤️

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