Kindern Grenzen setzen – über ein Erziehungs-Missverständnis

- Kategorie : Familienleben
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Du musst ihm Grenzen setzen!  Sowas hätt’s bei uns nicht gegeben! Ein Kind braucht aber Grenzen!  Na, so ein Fratz! Oder auf gut österreichisch: Rotzpip’n!

Du musst deinem Kind Grenzen setzen. Kaum einen Satz hören Eltern so oft als Erziehungsratschlag – und das vom Säuglingsalter ihres Kindes an. „Dein Kind wird dir sonst auf der Nase rumtanzen“, wird gewarnt. ... „Ein kleiner Terrorist.“ „Ein Tyrann“, wird uns angedroht.

Und dann setzen Eltern Grenzen. Nein, du bekommst keine Schokolade – beim Einkaufen. Nein, du sollst nicht am Gang laufen – im Stiegenhaus. Hampel nicht so rum! Sprich leiser! Mit Essen spielt man nicht! Die Liste der „Grenzen“ lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Grenzen der anderen


Interessant wird es ganz besonders dann, wenn Eltern im öffentlichen Bereich ganz andere Grenzen setzen als im Privaten. Da wird es spannend: Sehr oft setzen Eltern nämlich nicht Grenzen, weil sie voll dahinter stehen, sondern weil sie meinen, dass damit die Umgebung zufrieden gestellt – genau genommen: befriedet – werden kann.

In einer Gesellschaft, in der Kinder oft nicht für voll genommen werden und meist nur dann auf Zustimmung stoßen, wenn sie sich still verhalten, unauffällig sind und möglichst nur süß zum Ansehen, könnten das aber recht zweifelhafte Maßstäbe sein, an denen wir unsere Kinder messen.

Wessen Grenzen setzen wir unseren Kindern da eigentlich? Wenn wir in uns gehen, werden wir uns eingestehen: Ganz oft sind es doch die Grenzen der Nachbarn. Die der Leute, die gerade im Supermarkt den Kopf schütteln. Oder die der grantigen Person im Bus, die die Augen verdreht oder sich gar lautstark über die Kinder von heute auslässt.

Eigentlich ist es auch verständlich, dass wir diese Leute, so wenig wir sie mögen oder ihnen im Grunde zustimmen, zum Maßstab nehmen:  Schließlich haben wir Eltern selbst von klein auf gelernt, dass wir bloß nicht anecken sollen. Und wir wollen unseren Kindern Konflikte mit sehr lauten, sehr von ihrer Meinung überzeugten Erwachsenen ersparen. Wir wollen, dass unsere Kinder gemocht werden. Dass sie nicht angefeindet werden, keine unnötigen Konflikte austragen müssen. Aber um welchen Preis eigentlich?

Was ist – mir – wichtig?

Jesper Juul schreibt – vielleicht etwas provokant:
„Es ist ein populäres Missverständnis in der Erziehung, dass Kinder Grenzen brauchen.“ Und im Nachsatz: „Es sind vielmehr die Eltern, die zeigen müssen, wo ihre eigenen Grenzen sind.“

Dafür bedarf es aber einer Spurensuche und keiner Grenzsetzungen quasi im Reflex. Es braucht eine Spurensuche mit dem Ziel herauszufinden: Wer bin ICH eigentlich? Was ist MIR wirklich wichtig? Wofür lohnt es sich, in den Konflikt zu gehen?

Und – wenn ich das mal für mich in einer stillen Stunden mit Zeit und Muße ganz allein hinterfrage: Was von alledem, was ich meinen Kindern täglich so als Grenzziehung serviere, halte ich eigentlich für wirklich wichtig. Was davon ist nötig durchzusetzen?

Umgekehrt: Wo könnte ich mit den Schultern zucken? Wo rege ich mich eigentlich mehr auf als MIR die Sache wert ist?

Im ersten Reflex – oder auch, weil Eltern das zu wenig hinterfragen – werden oft die Grenzen ausgepackt, die Mann und Frau selbst als sie Kinder waren gesetzt wurden.

Tatsache ist aber, dass vieles davon uns eigentlich nicht wirklich wichtig ist. Und DAS gilt es herauszufinden. Was ist mir eigentlich egal – und umgekehrt: Wo sehe ich meine Grenzen.

Grenzen brauchen immer einen guten Grund.

Sonst handelt es sich nur um Willkür.

Damit das ganze verständlicher wird - hier ein paar Beispiele aus meinem Familienleben: Mir zum Beispiel ist es nicht wichtig, ob mein Kind im Stiegenhaus läuft. So lang es nicht so laut wird, dass andere unnötig gestört sind, sollen sie laufen (und da orientiere ich mich nicht an der hellhörigst möglichen Nachbarin sondern eher am Durchschnitt).

Mir ist es auch nicht wichtig, wenn mein Kind am Hosenboden die Stiegen runterrutscht.... liegt daran, dass ich für mich beschlossen habe, dass Kleider dazu da sind, unsere Kinder bei ihren Entdeckungen zu begleiten und nicht, sie zu behübschen. Genausowenig ist es mir wichtig, dass die Winterstiefel meiner Kinder sauber bleiben. Gatsch zeugt für mich von Freude an der Natur. Umgekehrt hab ich keinen Bock die Daunenjacke zum 5. Mal zu waschen, weil Junior beschließt, sich unmittelbar nach der Schneeschmelze über einen Hang zu rollen. Die Arbeit möchte ich mir einfach nicht antun. Hier ist MEINE Grenze.

Jeder hat andere Grenzen

Grenzziehungen sind etwas sehr persönliches – einige werden jetzt obiger Aufzählung ganz und gar nicht zustimmen. Genau darum geht es: Setze DEINE Grenzen.

Dazu braucht es aber zu allererst die Auseinandersetzung mit sich selbst. Du musst herausfinden, wo Deine persönliche Schmerzgrenze liegt. Genau um die geht es nämlich. Im Beispiel mit dem Laufen im Stiegenhaus: Natürlich könnte es dich auch sehr mitnehmen, wenn die ältere Dame im Erdgeschoß immer gleich zur Tür rausschießt und sich beschwert, weil dein Kind läuft. Kannst du diesen Konflikt entspannt erledigen oder nimmt er dich mit? Auch das wird sich auf Deine Grenzziehung auswirken.

Es ist nie ein schwarz-weiß, es sind viele Abgrenzungen. Je bewusster du sie dir machst, umso klarer kannst du deine Wertigkeiten umsetzen.

Spiel nicht die Mutter-Rolle

Ganz oft ertappen wir uns auch dabei, dass wir gerade eine Rolle spielen. Mamas sind dafür leider besonders anfällig. Kein Wunder, Mamas stehen ja auch ständig in der Kritik. Wir kritisieren nicht nur uns selbst, wir kritisieren auch andere Mamas, und die Umgebung weiß sowieso immer alles besser.

Klar, dass es da verlockend wird, die gesellschaftlich vorgesehene Rolle der Supermama in der Öffentlichkeit zu spielen. Aber: Wie anstrengend! Und unsere Kinder denken sich dazu ihren Teil, davon können wir ausgehen.

Also... ich als Kind hab mir immer meinen Teil dazu gedacht, kann ich jedenfalls sagen, und ich glaube, meinen Kindern fällt es auch auf, wenn ich plötzlich eine ganz andere bin.

Selbst Reflexion ist der Schlüssel zum Elternsein

Ich habe mir schon oft gedacht, dass Elternsein eigentlich sehr viel mit Selbst-Reflexion zu tun hat. Unsere Kinder schicken uns mit ihrem Verhalten auf den Weg, vor allem mit den Dingen, die uns auf die Palme bringen können. Auf einen Weg, uns selbst besser kennen zu lernen. Uns aus all den Dingen hervor zu graben, die uns in unserer Kindheit so übergestülpt wurden, weil MAN das tut oder umgekehrt dies oder jenes doch nicht tun kann.

Eltern werden heißt ganz stark: sich selbst finden und kennen lernen. Einfach weil wir unsere Kinder hoffentlich zu sehr lieben, um ihnen die Probleme, Schäden und Verkorkstheiten anderer aufzuzwingen.

Und so halte ich es mit Jesper Juul:


Es ist ein populäres Missverständnis in der Erziehung, dass Kinder Grenzen brauchen. Es sind vielmehr die Eltern, die zeigen müssen, wo ihre EIGENEN Grenzen sind.

Diese – eigenen – Grenzen wahrzunehmen und umzusetzen, sie einem Kind zu vermitteln, ist auch wesentlich einfacher. Denn dann kann man auch das Warum erklären. Und interessanter Weise reicht da als warum für ein Kind oft auch: „Weil das mein persönlicher Vogel ist.“

Du darfst auch einen Vogel haben

Ich hab so einen Vogel (hm... eigentlich mehrere, aber einen möchte ich hier erwähnen): Ich kann es nicht leiden, wenn meine Kinder mit der Hose, die sie im Kindergarten oder in der Schule an hatten, in mein Bett gehen. Ich weiß rational, dass da eigentlich wenig sein kann. Es ist einfach so, dass das Bett für mich ein absoluter Zu-Hause-Platz ist, an dem ich mich mit Outdoor-Hosen nicht wohl fühlen mag. Meine Kinder lachen darüber. Aber wenn sie sich in mein Bett legen (oder drin rumhüpfen, was mir wiederum völlig wurscht ist), dann ziehen sie die Straßenhosen vorher aus. Weil das mein Vogel ist und sie mich lieb haben. Und umgekehrt hab ich gelernt, dass ich meinen Vogel auf mein Bett beschränke.


Wie immer gilt:
Eltern-Sein ist eine Reise ins eigene Ich

Wir lernen uns nie so gut kennen wie als Eltern. Unsere Kinder halten uns nicht nur täglich einen Spiegel vor, sie fordern uns auch auf herauszufinden, wer wir denn sind. Das ist ein Geschenk, das uns unsere Kinder machen. Eine Aufforderung. Eine Herausforderung. Wenn wir sie denn annehmen.

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