Frühchen – Blitzstart ins Leben

- Kategorie : Familienleben
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Ganz plötzlich bist du Mama, bist du Papa. Aber das Baby ist – gefühlt – unendlich weit weg. In einem Inkubator. Dabei gehört es doch eigentlich noch in deinen Bauch.  Schmerzhafte Zerrissenheit.

Eigentlich war das ganz anders geplant. Denn eigentlich hätte mein zweites Söhnchen erst am 8. April Entbindungstermin. Also noch ein paar Wochen in Mamas Bauch.  

Die Schwangerschaft war von Anfang an eine Zitterpartie. Blutungen ab der Frühschwangerschaft. Zuerst immer ein wenig, nie ganz heftig. Immer zittern und bangen. Im Bett bleiben, dann geht es doch wieder. Hoffnung und kurz darauf wieder Blut. Und plötzlich, in der 10. Woche, Freitag, 22:00 sehr viel, hellrotes Blut. „Jetzt ist es aus“ schießt es durch meinen Kopf. 

Mein Frauenarzt hatte mir seine private Handynummer gegeben – ich könne ihn immer anrufen, auch nachts. Also rufe ich ihn an – reichlich aufgelöst. Ob ich ins Krankenhaus fahren soll? Nein, sagt er, das würde jetzt auch nicht nützen. Ich soll mich lieber hinlegen, versuchen auszuruhen und morgen, Samstag um 10:00 treffen wir uns bei der Ordination. Ja, dieser Arzt ist eine Ausnahme. Schulmediziner durch und durch – aber mit einem besonderen Einfühlungsvermögen. 

Nach einer bangen Nacht schließlich um zehn Uhr Ultraschall... und die Erleichterung. Es ist in Ordnung! Die Plazenta hat sich nicht abgelöst. Offenbar hat sich aber ein Hämatom gelöst und ist sehr schnell abgeblutet. Ab da sind die Blutungen vorbei. Zuversicht macht sich breit. 

Aber nicht zuviel, denn die Zervix ist von Anfang an kurz, beginnend bei 35 mm, später bei 25 mm. Andrerseits ist das nichts, was ich nicht schon aus meiner ersten Schwangerschaft kennen würde. Auch da schwebte das Damokles-Schwert der zu kurzen Zervix stetig über mir, bis ich schließlich in der 28. Woche mit verstrichener Zervix im AKH einrückte. Zwei Wochen Wehenhemmer und dann viele Wochen warten – vortasten, Woche für Woche. Ein Weg der kleinen Schritte, der mich schließlich bei meinem Großen bis in die 41. Woche geführt hat. 

Insofern bin ich auch jetzt zuversichtlich, dass wir das gemeinsam schaffen.

„Halt Dich gut fest“, sag ich meinem Baby im Bauch. Und das tut es. 

Die 26. Woche ist für mich immer ein wichtiger Meilenstein – ab da hätte das Baby im Fall eines Falles schon halbwegs gute Überlebenschancen. Ich denke darüber nach, aber all das ist für mich dennoch sehr theoretisch. Ende Februar hab ich eine Bronchitis. Vielleicht auch eine Grippe? Ich liege im Bett mit hohem Fieber. Weil ich aber ohnehin keine Medikamente nehmen möchte, gehe ich nicht zum Arzt. Einfach Tee trinken, im Bett bleiben, auskurieren. 

Anfang März geht es mir wieder gut, ein blöder hartnäckiger Husten ist noch geblieben, aber sonst ist wieder alles ok. Ich fahre in mein neues Büro, sortiere meine Sachen, telefoniere mit Freunden, von denen ich schon lang nichts mehr gehört habe. Die teilen mir mit – sie sind schwanger! Toll! Ich auch! Und eigentlich.... spüre ich da gerade ein Ziehen. 

Wir telefonieren weiter, ich spüre das Ziehen weiter. Unbestimmt. Aber irgendwie regelmäßig. Ich schaue auf die Uhr. Hm.... so circa alle 10 Minuten. 

Wir beenden das Telefonat – „ja, wir treffen uns sicher demnächst!“ Ich schaue weiter auf die Uhr. Tatsächlich. Alle 10 Minuten. Aber weh tut es nicht. 

Ich rufe sicherheitshalber meine Hebamme an. Wir vereinbaren, dass wir uns bei mir zu Hause treffen und nachsehen.  Ich rufe ein Taxi. Im Taxi rufe ich noch meinen Arzt an. Der meint, lieber doch gleich ins Krankenhaus – er lässt Wehenhemmer vorbereiten. 

Im Krankenhaus gehe ich auf die Geburtenstation, der Arzt hat bereits angerufen. Die diensthabende Hebamme meint noch: „Das sind sicher nur Senkwehen. So wie Sie da stehen, das ist keine Geburt.“ Ich glaube es auch nicht. 

Ich glaube es auch noch nicht als das CTG die Wehen aufzeichnet. Muttermund-Kontrolle. „Die Wehenhemmer können wir einpacken, das sind 5 cm.“ 

Jetzt geht alles schnell. Meine Hebamme ist da, mein Arzt ist da. Ich rufe schnell meinen Mann an – der ist grad mit dem Zweijährigen beim Orthopäden und wär grad dran. Nein, nicht reingehen! Lieber sofort herkommen. Ich ruf noch meine Mama an, die soll den kleinen Großen vor dem Kreissaal übernehmen. 

Überraschung: Ich darf trotzdem in die Wanne. Perfekt – das hatte ich mir nach der stressigen ersten Geburt so gewünscht. 

Das Zimmer mit der Wanne ist beleuchtet wie ein Dom – warmes Licht spannt sich über uns. Und ich denk mir: „Wenn DAS eine Geburt ist, dann kann ich mehr davon haben.“ Es tut nicht weh. Kein Stück. Es ist ein regelmäßiges Ziehen. 

Mein Baby wird zwar 5 Wochen zu früh kommen, aber laut Ultraschall war er immer einer von den Größeren. Und 5 Wochen zu früh, das ist kein Drama mehr. Vorfreude macht sich breit. Kurz vor der ersten Presswehe kommen mein Mann und unser Großer. Der liebt das Baden und möchte gleich zu mir in die Wanne. Als die erste Presswehe kommt, ist ihm die Sache aber nicht mehr geheuer und er versteckt sich hinter dem Papa. Er ist außer sich, er weint. Die Tür geht auf, meine Mama stürzt herein, schnappt sich den kleinen Großen und geht mit ihm hinaus. 

Bei der dritten Presswehe denk ich mir noch: „Na, das hast wieder nötig gehabt“ ... und da ist er. Klein und dünn, und er wimmert. Er liegt auf meiner Brust. Aber irgendwie atmet er nicht ordentlich. Er hat Aussetzer. Wir nabeln schnell ab und ich reiche mein Baby dem Arzt. Er hängt in meinen Händen. Dann wird er hinaus gebracht. Sein Papa geht mit ihm. 

Die Nachgeburt bekomme ich an Land. Die Schwerkraft wiegt. So schwer. 

Wir warten. Bang. Dann eine halbe Entwarnung – unser Baby liegt im Inkubator – vielleicht ein paar Stunden, vielleicht über Nacht. Mit dem süßesten Knubbelmündchen das einer haben kann. Wir müssen warten. Kein Kuscheln möglich. 

Der Große futtert mein Abendessen weg und verbreitet gute Laune in die bange Stimmung. Wir hoffen, dass unser Baby seine Anpassungsschwierigkeiten schnell überwindet, dass er bald zu mir darf und dass ich ihn bald im Arm halten kann. Abends wird dann aber klar, dass er doch auf die Intensivstation verlegt werden muss. 

Und in meinem Kopf macht sich der Gedanke breit, der mich durch die folgenden Tage und Wochen begleiten wird, in denen ich ihn auf der Intensivstation nur besuchen darf: „Der gehört nicht in diesen Inkubator. Der gehört in meinen Bauch, dann wär alles gut.“

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