Viele Eltern bemerken nach der Ankunft des zweiten Babys, dass ihr älteres Kind plötzlich seltsam reagiert. Aggressiv oder traurig; „trotzig“; eifersüchtig; mit einem Rückfall ins Windel-Tragen; manchmal mit übertriebener Fürsorge für das kleinere Geschwisterchen, die allzu oft mehr grob als sanft ist; mit Rückzug; mit Hauen oder Beißen. Die Reaktionsvarianten sind vielfältig. Ganz oft steckt dahinter aber nichts anderes als Verwirrung und Trauer über einen unvorhergesehenen Verlust.

  • „Mit Deinem kleinen Bruder wirst Du toll spielen können!“  -> Cool! Hilft mir der, die Eisenbahn aufzubauen?
  • „Wir bekommen ein Baby! Freust Du Dich?“ -> Hm. Was ist ein Baby? Aber ja, ich freue mich, weil Du Dich so sehr freust, das muss was Tolles sein!
  • „Bald wirst Du große Schwester!“ -> Aha. Offenbar ist das etwas, was richtig richtig gut ist. Keine Ahnung warum, aber wenn meine Eltern das sagen… 

Das sind die Sätze, mit denen wir unseren kleinen, bald „Großen“ erzählen, dass sie ein Geschwisterchen bekommen. Ich hab das auch so gemacht. Wir hatten auch ein Buch, das hieß „Wir sind jetzt vier“, in dem haben wir gelesen – über die Schwangerschaft, das Baby im Bauch, die Geburt… Die Seiten, in denen es darum ging, dass es vielleicht für meinen zweijährigen Großen nicht soooo lustig wird, die hab ich vorsorglich immer ausgelassen. Schließlich wollte ich ja nichts heraufbeschwören, was noch nicht da ist. Was für ein Irrtum! 

Am Ende kam das kleine Brüderchen fünf Wochen zu früh, ohne Lungenreife, völlig überraschend. Von einem Tag auf den anderen war ich nicht zu Hause. Aber immerhin der Papa. Als ich schließlich mit Baby aus der Intensivstation nach Hause kam, war mein Zweijähriger sehr neugierig. Er hat gelacht und sich gefreut. So wie wir uns gefreut haben. Er hat uns gespiegelt. 

Die Freude war dann aber von kurzer Dauer, gefolgt von einer großen Enttäuschung. 

Unsere Eltern-Romantik bedeutete für meinen Großen nicht mehr und nicht weniger als: Hälfte Mama, ein Drittel Papa. Weg. Und ein Baby, das mir zwar Aufmerksamkeit (und Liebe?) wegnimmt, aber mit dem man ja gar nicht spielen kann. Wenig lustig. Und trotzdem finden alle anderen das gut. 

Für Erstgeborene ist die Ankunft eines Bruders / einer Schwester ein Schock

Mir war diese Empfindung meines Großen nicht von Anfang an klar. Ich war zuerst verwirrt, dass er plötzlich zu hauen beginnt. Dann war ich verärgert – DAS hab ich ihm nie vorgelebt. Schließlich war ich verzweifelt. Macht keinen Spaß, wenn einen Mamas am Spielplatz fragen: „Wo hat er das denn her?“ Ja. Woher nur? 

Es war ein langer Weg bis ich zur Erkenntnis kam: Für meinen Großen war die Ankunft seines Brüderchens zu allererst ein Schock. Ein Verlust. Ohne irgendein „Plus“. 

So nach und nach habe ich festgestellt, wie sehr es ihn verunsichert haben muss, dass nur er diese negativen Gefühle hatte und alle anderen nicht. Als bei mir endlich der Groschen gefallen war, konnte ich ihm sagen: „Für Dich ist das alles gerade nicht leicht, gell?“ und ich konnte ihm endlich – ehrlich – zugestehen, dass seine Gefühle nicht falsch sondern völlig richtig sind. 

Bis heute empfindet mein Großer seinen zweitgeborenen Bruder in vieler Hinsicht oft als Rivale. Sie wurden inzwischen zu einem Team, aber eine gewisse Rivalität ist erhalten geblieben. 

Als ich mit unserem dritten Sohn schwanger war, habe ich für die beiden Großen ein eigenes Buch gemacht. Darin ging es auch um das Baby – wie es im Bauch liegt – vor allem ging es aber um die großen Brüder. Wie ihr Leben mit uns jetzt – vor dem Baby ist. Dass jeder von ihnen einen eigenen „Raum“ in meinem Herz hat und dass mit der Ankunft des kleinen Bruders ein neuer Raum für ihn entstehen wird. 

Ich habe darin geschrieben, dass die Liebe für meine Großen gleich bleibt, aber noch ein wenig Liebe für den Kleinen dazu kommen wird. Ich habe aber auch geschrieben, dass die  Zeit nicht mehr werden kann und dass das Baby Zeit und Aufmerksamkeit von mir brauchen wird. 

Vielleicht war es der ehrlichere Umgang, vielleicht war es beim dritten Kind auch für die beiden anderen schon so oder so nicht mehr so schlimm. Ich werde aber nie vergessen, wie mein Großer gestrahlt hat, als er zum ersten Mal seinen kleinsten Bruder gesehen hat. Diesmal war er vorbereitet. Diesmal war es gut. 

Fakten über Geschwister

  • Rivalität ist unter gleichgeschlechtlichen Geschwistern meist stärker
  • Ein Altersabstand von 2-3 Jahren ist für ältere Geschwister meist schwieriger als zB 5 Jahre
  • Für Erstgeborene ist die Ankunft ihres ersten Geschwister-Kinds meist ein Schock
  • Ehrlichkeit, Geduld und Einfühlungsvermögen der Eltern hilft
  • Den Gefühlen des erstgeborenen Kindes sollte Raum gegeben werden

Lesetipps:

„Wie bereitet man sein Kind auf Geschwister vor?“ - Jesper Juul im Standard

„Eifersucht und Rivalität unter Geschwistern“ - das Gewünschteste Wunschkind