In letzter Zeit lese ich immer wieder Kolumnen mehr oder weniger verzweifelter Journalistinnen: „Eltern gebt Euch nicht selbst auf“ (Caroline Rosales, Zeit) oder „Flucht aus dem Familienbett“ (Sabine Rennefanz, Berliner Zeitung) und zeitweise frage ich mich, worüber die Damen da schreiben.  Über das von ihnen in ihren Beiträgen kritisierte „Attachment Parenting“ wohl eher nicht.

Offenbar neigen Eltern – ganz besonders Mütter – schnell mal zur Selbstaufgabe. Zugegeben, ein Familienkonzept wie Attachment Parenting spielt dem wohl etwas in die Arme, verantwortlich ist es aber nicht für die Selbstaufgabe von Eltern. Auch die Strenge eines autoritären Erziehungskonzepts birgt genug Raum für opferorientierte Selbstaufgabe.

Tatsächlich hat es wenig bis gar nichts mit Attachment Parenting zu tun, wenn da Frau Rosales in der Berliner Zeitung schreibt: „Ich stand im Park, hatte eine fette Bronchitis, Fieber und schaute meinem Dreijährigen dabei zu, wie er mit einem Stock Löcher in die Eisschicht einer Pfütze bohrte….“, und das alles nur, um ihrem Kind den täglichen Gang an die frische Luft zu ermöglichen.

Wenn das Attachment Parenting sein soll, wurde leider etwas falsch verstanden. Und ich schreibe das hier jetzt nicht, um einer Journalistin ans Bein zu pinkeln, ich schreibe das, weil es ja vielleicht noch mehr Leute gibt, die das falsch verstehen.

Attachment Parenting hat bitte nichts mit Selbstaufgabe zu tun…

auch wenn ich weiß, dass es schon immer angenehm ist, einen Schuldigen für die eigenen Fehler zu finden, nur bringt das einen eben nicht weiter.

Worum es beim Attachment Parenting geht ist, dass man sich gerade nicht von gesellschaftlichen Zwängen oder „So macht man das“ leiten lässt sondern von den Bedürfnissen der Kinder – UND – den eigenen Bedürfnissen.

Die Rechnung ist einfach, und ich habe sie selbst ausgiebig durchgespielt:

Beispiel: Dein Baby fühlt sich allein in seinem SIDS-sicheren Gitterbett und weint wenn Du es (sagen wir jetzt mal) nachts hinein legst?

Variante 1: Ich finde aber, dass ich ja nicht verantworten kann, dass ich auf die Absicherungen gegen SIDS pfeife. Außerdem muss mein Kind allein einschlafen lernen. Ergebnis: Kind schläft nicht. Du schläfst nicht.

Variante 2: Ich finde aber, dass ich ja nicht verantworten kann, dass das Baby wo anders schläft, ja wegen SIDS eben und so. Ergebnis: Du trägst Dein Kind durch die Wohnung, damit es einschläft. Oder hüpfst auf einem Gymnastikball. Kind schläft – endlich. Du legst es ins Bettchen, sicher auf seinen Rücken. Und dann kommt es: 1. Du bist hellwach. 2. Wenn Du Glück hast, schläft Dein Kind, es wacht aber mit Sicherheit nach dem nächsten Schlafzyklus wieder auf und Du kannst das Procedere wiederholen. Wenn Du weniger Glück hast, wacht Dein Baby in dem Moment auf, in dem es das Bettchen berührt. Zurück an den Start.

Variante 3: Du informierst Dich und stellst fest, wenn Du nicht rauchst und nicht saufst, ist Dein Baby in Deinem Bett genauso sicher (es gibt sogar Meinungen, dass es sicherer ist). Du entscheidest, dass Du mit dem Nähebedürfnis Deines Kindes besser schläfst als dagegen an, packst Dein Bündel in Dein Bett und ihr schlaft.

Das ist Attachment Parenting. Nicht mehr und nicht weniger. Eine schlaue Weise, Alltagsthemen mit Kindern anzugehen.

Klar, ich hätte mein Baby auch weiterhin brüllend im Kinderwagen durch die Gegend schieben können. Das war mir aber zu stressig und daher habe ich es in eine Trage gegeben, und alles war gut. Oder seien wir ehrlich – schon mal besser.

Das heißt jetzt umgekehrt aber nicht zwangsläufig, dass Ihr ein Familienbett braucht oder tragen müsst. Habt Ihr eines der zugegeben eher seltenen Exemplare, die es lieben, im Kinderwagen durch die Welt kutschiert zu werden und/oder Platz brauchen in ihrem Bett (ich selbst war so ein Alleinschläfer-Kind, ich weiß noch, dass es mir bei meinen Eltern immer zu heiß und zu eng war), dann bitte, genießt es!

Attachment Parenting heißt, dass man sich von „man muss doch“, „man kann doch nicht“, „man sollte doch“ befreit und sich fragt, was braucht mein Kind, was brauche ich und wie bekommen wir das am besten vereinbart? Genau das war auch mein Gedankengang. Als ich mein weinendes Bündel im heißen Sommer 2006 aus dem besonnenschirmten Kinderwagen zum gemeinsamen Schwitzen in die Trage packte, habe ich noch einiges Kopfschütteln an der Bushaltestelle kassiert. Dass das, was ich da mit dem Tragen und dem gemeinsamen Schlafen mit meinem Baby  „Attachment Parenting“ heißen soll, wusste ich 2006 auch nicht. Ich wusste aber, dass es für mich und mein Kind funktioniert, und das hat gereicht.  

Attachment Parenting ist eine Suche, kein Programm und kein Dogma

Eltern-Sein ist eine Reise, eine dauernde Suche. Das ist manchmal mühsam und hie und da verrennt man sich auch. Es gibt weder einen allgemeingültigen Wegweiser noch eine Gebrauchsanleitung. Das erfordert ein großes Maß an Selbstreflexion, und oft erscheint es einfacher das zu machen, was alle machen oder was andere meinen, dass man machen sollte.

Wir suchen alle in zahlreichen Ratgebern nach Orientierung. So wie es die eigenen Eltern gemacht haben, wollen viele es nicht machen, anders kennen sie es nicht. Natürlich ist es dann verlockend, wenn man ein 7-Punkte-Programm geliefert bekommt, das, so man sich daran hält, alle Probleme löst. Nur leider hält sich die Natur, und Kinder sind Natur, nicht an 7-Punkte-Programme. Ganz schnell kann man mit diesem vorbestimmten Weg auch in der Sackgasse landen.

Oder man nimmt das Angebot, das die Lebensumstände mit Kindern an Eltern machen an und findet mehr über sich selbst und seine Kinder heraus. Das ist mühsam, erfordert viel Auseinandersetzung, hat aber letztlich zum Ziel, dass man mit seinen Kindern ein ganzes Stück wachsen kann.

Attachment Parenting ist nichts für Extremisten.

Insbesondere heißt es nicht,

  • dass ich 24 Monate lang stillen MUSS,
  • dass ich mein Kind auch mit 3 Jahren noch tragen MUSS,
  • dass ich eine schlechte Mutter bin, wenn mein Kind Brei mag,
  • dass ich erbitterter Impfgegner sein MUSS oder
  • dass nur eine Hausgeburt richtig ist.

Ursula Stark Urrestarazu hat einen spannenden Beitrag zur ideologischen Instrumentalisierung von AP geschrieben (Auf welcher Seite erziehst Du?, Zeit).

Attachment Parenting heißt im Grunde lediglich, Bedürfnisse – die des Kindes ebenso wie eigene – wahrzunehmen und darauf einzugehen. Nicht bedingungslos und mit Sicherheit nicht unter Selbstaufgabe. Schließlich ist das vorrangigste Bedürfnis von Babys und Kindern eine Beziehung zu ihren gesunden, glücklichen Eltern zu haben und nicht zu armen Wracks, die tun, was die Nachbarin sagt und für deren verkorkstes Seelenheil Kind dann auch noch die Verantwortung übernimmt.

Insofern soll das hier auch ein Plädoyer für etwas mehr Gelassenheit sein. Dieses verbissene Festhalten an Regeln und Punkten ist letztlich das Gegenteil von Bedürfnisorientierung, sind doch Bedürfnisse immer höchst individuell.

Und was ist mit Fremdbetreuung und AP?

Ich sehe tatsächlich auch keinen Widerspruch zwischen Attachment Parenting und Fremdbetreuung. Eltern, insbesondere Mütter, sind heute so allein mit ihren Kindern wie nie zu vor. Ein alter Spruch heißt: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Wir haben dieses Dorf im alten Sinn heute nicht mehr. Was wir aber haben, ist ein Dorf mit guten Kindergarten-Pädagoginnen, Großeltern, Nachbarn, Babysittern – you name it! Ein Dorf, das wir uns selbst aufbauen können (und müssen).

Es liegt an uns, unsere Rahmenbedingungen für unsere Familienbeziehungen zu schaffen.  Dass das ganz einfach ist, hat niemand behauptet. Elternschaft ist ein Reifungsprozess, so wie die Kindheit und die Jugend. Und danach sind wir hoffentlich ein Stück weiser.

Textstellen: 

Eltern, gebt Euch selbst nicht auf

Flucht aus dem Familienbett

Auf welcher Seite erziehst Du?