Eltern von High Need Babys haben eine Erfahrung gemacht, die sich Eltern von einem Nicht High Need Baby kaum vorstellen können. Die Erfahrung absoluter Machtlosigkeit. Die Erfahrung, keinen Rat mehr zu wissen. Die Erfahrung an sich zutiefst zu zweifeln.

Umgangssprachlich wird ein High Need-Baby auch als Schreibaby bezeichnet – ein Ausdruck, dem ich wenig abgewinnen kann, weil er die Sache auf das Symptom reduziert und nicht nach der Ursache fragt. Von einem „Schreibaby“ spricht man, wenn ein Baby länger als 3 Stunden am Tag an 3 Tagen die Woche über 3 Monate weint. Wenn dein Baby manchmal abends besonders anstrengend ist und nicht zu Ruhe kommt, dann hat das allein nichts mit einem Schreibaby zu tun. Wir müssen mit solchen Begriffen auch vorsichtig sein, damit weder körperliche Ursachen übersehen werden, noch ein Kind einen schnellen Stempel aufgedrückt bekommt.

Vorfreude mit jähem Erwachen

Wenn ein Baby erwartet wird, malen sich Eltern die Zeit mit ihrem Kind in genau den rosaroten Farben aus, die Film, Fernsehen und Werbung suggerieren. Alles ist plüschig, gemütlich, babyrosa oder babyblau. Das Kind gluckst lieb und schläft viel. Glückselig lächelnde Eltern.

Und plötzlich ist es da, das eigene kleine Bündel und… weint. Weint. Stunden. Tage. Wochen. Die Nächte verbringt man zwischen Stillen und Beruhigen, tagsüber hat man das Gefühl eigentlich gar nicht mehr da zu sein. Nur mehr funktionieren. Vom plüschigen Babyglück bleibt kaum was übrig. Da ist nur diese große Liebe und dieses unerträgliche Gefühl, dass man es einfach nicht drauf hat. Dass andere Mamas es irgendwie besser können. Denn deren Kinder liegen gemütlich im Kinderwagen und schlafen. Sie nuckeln zufrieden an einem Schnulli. Andere Mütter bilden die harmonische Einheit mit ihren Babys, die man selbst nicht und nicht hinbekommen kann.

Ja. Ich hatte ein High Need Baby. Und es hat ganze 6 Wochen gedauert bis ich bei dem Punkt war, dass ich am liebsten das Haus nicht mehr verlassen hätte. Ich war erschöpft. Desillusioniert. Habe an mir gezweifelt. Nachmittags um 5 hab ich meinen Mann angerufen und ihm gesagt: „Du musst nach Hause kommen. Ich schaffe es nicht mehr.“ Und er kam, sprang aus dem Anzug und mit unserem armen weinenden Bündel auf den Gymnastikball. Der Gymnastikball war zu der Zeit unser Geheimtipp, unser Baby das „Baby in motion“.

Nur in Bewegung und in ständigem Körperkontakt konnte unser Baby zur Ruhe kommen. Oft auch da nicht. Viele Stunden hat er auf meinem Arm geweint. Gestillt, gewickelt, bei Mama und dennoch weinend.

Zuerst habe ich mich gefragt, was ich falsch mache. Ich habe gelesen – zahllose Ratgeber. Einige tolle, die meisten für nichts.

Dann kam die Suche nach einer möglichen Diagnose: Sind es Blähungen? Ist es ein „Schub“? Hat er Schmerzen? Ist er krank? Sind es Blockaden? Das KISS-Syndrom? Wir waren bei Ärzten, Osteopathen, bei der Cranio-Sacral-Therapeutin und auch beim KISS-Spezialisten. Die Osteopathin hat eine Blockade im Nacken gelöst. Da dachte ich: Aber jetzt wird es sicher besser. Wurde es nicht.

Wann wird es besser?

Bei uns wurde es relativ schlagartig nach ca 10 Wochen besser, ein paar Wochen später war es nochmal besser. Und warum?

Ich. Weiß. Es. Nicht.

Körperliche Gründe konnte ich ausschließen. Sind Babys „halt einfach“ anstrengend?

Den wenig hilfreichen Satz: „Man muss halt die Bedürfnisse seines Kindes erkennen und stillen“, habe ich schon in vielen Diskussionen über High Need Babys von Eltern, die keins haben, gehört. Mein Kind wurde gestillt, und ich hatte es viele Stunden, in denen es weinte, am Arm. Das Babybett haben wir schon nach wenigen Nächten nicht mehr benutzt, weil wir herausfanden, dass unser Baby besser bei Mama oder Papa am Bauch, jedenfalls aber in unserem Bett schläft als im Gitterbettchen. Schlafen ist besser als nicht schlafen, also war es keine Frage, ob wir Familienbett machen oder nicht.

Nach wenigen Wochen entdeckte ich das Tragen.

Ein Lebensretter.

Mein Baby war auch bei der damals unerträglichen Sommerhitze schwitzend an meinem Bauch zufriedener als im Schatten im Kinderwagen. In der Trage konnte er entspannen und – endlich – schlafen.

Die Theorie, wieso manche Kinder so viel weinen, die mich am meisten überzeugt hat:

Das vierte Trimester

Menschenkinder werden früh geboren. Kommen sie zur Welt, können sie noch relativ wenig. Sie sind auf die Nähe, Geborgenheit und ständige Zuwendung durch Erwachsene angewiesen. Offenbar reagieren manche Babys hier besonders sensibel und rufen mit großer Verzweiflung nach ständiger, körperlicher Nähe.

High Need Baby

Beim Tragen finden Babys in den Schlaf.

Das vierte Trimester ist ein sehr verständlicher Erklärungsansatz von Dr. Harvey Karp, einem amerikanischen Kinderarzt in seinem Buch „Das glücklichste Baby der Welt“. Menschenbabys werden, das ist unbestritten, unreifer geboren als andere Säugetierbabys. Nach der Theorie des vierten Trimesters brauchen Babys in den ersten drei Lebensmonaten eine  Betreuung und Zuwendung, die im Wesentlichen eine der Schwangerschaft ähnliche Geborgenheit und Umsorgung nachempfindet.

 

Durch engen Körperkontakt und Pucken, bedürfnisorientiertes Stillen, Saugen, durch rhythmisches Schaukeln, durch sanfte Sch-Laute werden Babys quasi in einer Art Kuscheltherapie durch die schwierigen ersten drei Lebensmonate begleitet.

Wenn ich mit dem Pucken auch wenig anfangen konnte – tragen, gemeinsam schlafen, bedürfnisorientiertes Stillen, ja sogar die Sch-Laute waren bei meinem High Need Baby wirklich wesentliche Beruhigungselemente.

Und wo wir gerade bei Leseempfehlungen sind. Hier kommt noch eine:

Eines der hilfreichsten Bücher, das ich zu dem Thema gelesen habe, war von Kinderarzt Dr. William Sears „Schlafen und Wachen“. Endlich hatte ich das Gefühl, da versteht jemand, was ich gerade erlebe. Sein Begriff „High Needs Baby“ trifft mitten ins Schwarze und beschreibt meiner Ansicht nach wunderbar treffend, dass dieses kleine verzweifelte Menschlein kein Schreihals ist sondern ein Baby mit sehr dringenden Bedürfnissen.

Kein Wunder: Als sein eigenes viertes Kind ein besonders forderndes war glaubte Dr. Sears schließlich den vielen Eltern in seiner Praxis, die ihm von ihren Erfahrungen mit „anspruchsvollen Babys“ berichteten. Er bestärkt Eltern darin, den Bedürfnissen ihres Kindes zu folgen.

Ein Baby kann man weder verwöhnen noch dadurch, dass man Babys Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung nachkommt, „verziehen“. Ein Baby muss man weder dazu erziehen, allein einzuschlafen noch dass es erträgt in einem Kinderwagen oder Babybett zu bleiben. All das kommt ganz von selbst.

Ich bin mir bewusst, dass man auf dem Weg von einer durchsetzten Nacht zur nächsten langsam den Glauben daran verliert, dass man IRGENDWANN wieder durchschlafen kann. Aber jetzt, im Rückblick, nach vier Kindern, kann ich mit Bestimmtheit sagen: Jedes Kind beginnt durchzuschlafen. Und das ganz von selbst, ohne zweifelhafte Schlaftrainings.

Nachvollziehen wie sich Eltern von einem High Need Baby fühlen

Ich weiß, wie sich die Verzweiflung anfühlt, wenn dein Baby einfach nicht zu weinen aufhört.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Du das Gefühl hast, dass Du unfähig bist, die Bedürfnisse deines Babys befriedigen zu können.

Ich weiß, wie sich die Spurensuche anfühlt, die Frage, warum gerade dein Baby so viel weinen muss.

Ich weiß, wie sich Erschöpfung anfühlt, wie man zu zweifeln beginnt, dass es jemals wieder anders werden könnte.

Ich weiß, wie sehr du dein Baby lieben möchtest, aber einfach schon so müde und geschafft bist, dass Du nicht weißt, wie Du noch so einen Tag durchstehen sollst.

ICH WEISS ABER AUCH: ES GEHT VORBEI.

Eines möchte ich allen Eltern mit High Need Baby sagen: Es ist nicht Euer Fehler. Ihr seid nicht daran schuld. Bei manchen Babys gibt es einen Zusammenhang mit einer schwierigen Schwangerschaft oder einer schwierigen Geburt, bei vielen anderen aber auch wieder nicht. Es konnte bis heute nicht nachgewiesen werden, wieso manche Babys einen schwierigeren Start haben als andere, warum manche Babys zufrieden sind, andere aber nicht.

Manche Babys brauchen schlicht länger, um in der Welt anzukommen. Als Eltern lebt man unterm Strich mit den Bedürfnissen des Babys besser als wenn man gegen diese Bedürfnisse anlebt, weil Baby ja allein einschlafen / im Kinderwagen bleiben / auch mal im Bettchen schlafen muss. Das war eine wesentliche Erkenntnis für mich.

Hilfe annehmen

Gerade wenn man nun aber 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche damit zubringt, auf die Bedürfnisse des kleinen Menschleins einzugehen, ist es auch wichtig, so viel Hilfe anzunehmen, wie nur geht. Es klingt nun so banal, aber genau das ist es: Nimm Hilfe an. Eltern, Großeltern, Freunde, Tante, Onkel, Babysitter, Familienhelfer etc. – da draußen gibt es Hilfe und es ist nicht schlimm, um Hilfe zu bitten.

Unsere Gesellschaft ist in der absurden Idee verfangen, dass eine Mama für ihr Baby zuständig ist – im besseren Fall eine Mama und ein Papa. An sich waren seit Menschheitsgedenken aber weit größere Verbände für Kinder „zuständig“. Vermutlich mit gutem Grund.

Such Dir soviel Hilfe wie möglich. Ein paar Stunden Auszeit sind mit Sicherheit eine gute Gelegenheit sich selbst ein wenig wieder zu finden und Energie zu tanken.

Versuch zu schlafen, wenn Dein Baby schläft.

Und vor allem: Vergiss alle Zweifel und Schuldgefühle. Dein Baby ist nicht falsch und Du hast nichts falsch gemacht.

Nach vier Kindern hatte ich alles dabei – mein Großer ein High Need Baby, mein zweiter Sohn ein ausgesprochen zufriedenes Baby, mein dritter Sohn ein Schlafbaby (zwar kein Durch- aber ein Langschläfer) und mein viertes Söhnchen ein Auf-Mamas-Bauch-Schläfer und Viel-Kuschler. Nach vier Kindern weiß ich: Babys sind zum erheblichen Teil „fertige Pakete“, sie haben ihr Temperament, ihren Charakter, ihre Sensibilität von Geburt an. Eltern können da weniger falsch oder richtig machen als sie beim ersten Kind noch glauben (spätestens beim zweiten Kind sehen die meisten Eltern, wie verschieden ihre Kinder von Geburt an sind 😉 ).

Mamas von zufriedenen Babys haben nichts richtig gemacht – sie haben einfach das Glück, ein zufriedenes Päckchen bekommen zu haben. Mamas von High Need Babys haben umgekehrt nicht „verschuldet“ dass ihr Baby anspruchsvoller ist. Es ist, wie es ist – und immer ist es Liebe.

 

Weiterführende Literatur:

Sears, Schlafen und Wachen

Karp, Das glücklichste Baby der Welt

Warum man Babys nicht verwöhnen kann

High Need Babys –  was ist das?

Attachment Parenting und alles wird gut?