Ein paar Wahrheiten zum Thema Babyschlaf

„Mein Baby hat heute durchgeschlafen!“, postet Tanja. „Mia ist heute Abend ganz allein eingeschlafen“, schreibt ein paar Wochen später Andrea. Alle anderen Babys beginnen durchzuschlafen, nur Deins nicht? Du bist nicht allein. Ein paar Facts zum Babyschlaf:

Wie schlafen Babys und was tun, wenn Baby nicht schläft

Einer der schönsten Momente: In Babys friedlich schlafendes Gesicht sehen.

Bei meinem Großen hatte ich als er acht Monate alt war den Eindruck, ich würde nie, nie, nie… NIE mehr durchschlafen können. Alle zwei Stunden war er wach und wollte stillen. Und ich war geschafft. Restlos. Überhaupt konnte ich mir Gitterbettchen und auch Andock-Bett abschminken; allein einschlafen – ein absurder Gedanke, den ich nicht einmal hatte. Schlafen wollte mein Baby nur in unseren Armen oder auf Papas Bauch – immer in Körperkontakt. Der Papa, ein Oberkuschler, war glücklich – ich als autonome Schläferin (also anders gesagt ein klarer Nicht-Kuschelschläfer) weniger, aber andererseits: Wenn mein Baby angekuschelt schläft, ist das besser als es schläft nicht oder?

Babyschlaf-Learning #1: Ich lebe – oder eigentlich schlafe – besser, wenn ich den Bedürfnissen meines Babys folge (und nein, Babys werden durch Körperkontakt nicht verwöhnt sondern gestärkt).

Als mein Großer dann 10 Monate alt war, hörte ich von allen Seiten: „Na, wenn Du ihn immer stillst wird er nie schlafen. Gib ihm ein Flascherl, das macht ihn satt und er schläft durch.“ An sich hatte ich ja gedacht, dass ihn schon der Abendbrei satt machen würde (der hatte aber keinen Durchschlaf-Effekt gebracht). Aber ich bin ja lernwillig (und soooo blöd). Also haben wir als er 10 Monate alt war, nachts auf Flascherl umgestellt. Und nein, nicht auf EIN Flascherl – in der Praxis waren es dann drei. Mindestens.

Schlau wie wir waren, hatten wir alles vorbereitet, um nachts nicht Wasser abkochen und auskühlen lassen zu müssen – drei mit Milchpulver vorbereitete Fläschen und drei unterschiedlich temperierte Thermosflaschen mit Wasser warteten jeden Abend am Nachttisch. Die Idee war, dass wir nur mehr zusammenschütten müssen und Söhnchen dann trinken kann, ohne dass wir völlig wach werden müssen. In der Praxis hab ich jede zweite Nacht meinen Polster unter Wasser gesetzt, weil ich schlaftrunken daneben gegossen habe. Der aufmerksame Leser hat den Fehler im System schon entdeckt… Flascherl machen ist um nichts schneller oder einfacher als stillen. Einziger Vorteil für mich: Ich konnte die Nächte mit meinem Mann teilen.

Babyschlaf-Learning #2: Es ist absoluter Blödsinn, dass Babys nachts mit Flascherl eher durchschlafen als Stillkinder.

Die Verzweiflung ist groß, wenn Baby nicht schläft wie erwartet. Nach endloser Lektüre mehr und weniger bis hin zu gar nicht empfehlenswerter Literatur habe ich beschlossen, dass es ist, wie es ist. Die wenigsten Babys schlafen durch. Und wenn Babys durchschlafen ist das weder Verdienst noch Leistung der Eltern, es gibt auch keinen Trick und kein Patentrezept.

„Wenn das Baby allein einschlafen kann, wird es auch durchschlafen“ – ein toller Tipp, der bloß an zwei Parametern scheitert: 1. Keines meiner Kinder wollte jemals bevor es 5 Jahre alt war, allein einschlafen. 2. Auch wenn meine Kinder allein eingeschlafen sind, war das kein Garant für Durchschlafen.

Nach vier Kindern hatte ich alles dabei – einen jahrelangen „Nicht-so-toll-Schläfer“, einen gemütlichen Schläfer (zwar auch kein Durchschläfer von Anfang an, aber immerhin mit 14 Monaten war es soweit; dafür war das Einschlafen immer sehr zäh), ein Schlafbaby (auch kein Von-Anfang-an-Durchschlafbaby, aber eins, das immerhin gern etwas länger morgens schlief und immer schnell und unkompliziert einschlief) und ein Auf-Mamas-Bauch-Schlafbaby (Zehenwackeln inklusive, um den gewissen „Vibe“ zu erzeugen).

Jedes meiner Kinder hat begonnen durchzuschlafen – der eine früher, der andere später. Eigentlich ist es wie robben, krabbeln, gehen lernen. Es ist ein Entwicklungsschritt, ein Reifungsprozess. Natürlich können wir dem Irrtum aufsitzen, wir könnten diesen Reifungsprozess beschleunigen, aber tatsächlich können wir das nicht.

Wer sein Kind einem Schlafprogramm aussetzt, führt damit weder eine schnellere Reifung noch ein „Einsehen“ beim Baby herbei. Vielmehr werden mit Schlafprogrammen andere Reaktionsmechanismen aktiviert. Wenn ein Baby nach erschöpfendem Weinen schließlich alleingelassen einschläft, ist das keine Reifung sondern Entkräftung und Resignation. Und schließlich bleiben dann noch all die Fragen, die das Verhalten der Eltern doch eigentlich in einem Kind auslösen müssen: Haben meine Eltern mich verlassen? Haben sie mich nicht mehr lieb? Bin ich allein? Bin ich in Gefahr, aber keiner kommt? Bin ich nicht liebenswert? Natürlich stellt das Baby diese Fragen nicht, aber ich bin davon überzeugt, es fühlt sie. Genauso wie wir als Eltern doch den nahezu unbezwingbaren Drang fühlen, unser weinendes Baby aus seinem Bettchen zu nehmen und an uns zu drücken. Wieso sollte ein Programm richtig sein, das so unseren Gefühlen zuwider läuft, das so tief in die Beziehung zwischen uns und unseren Kindern eingreift?

Die Hirnforschung ist zum Ergebnis gekommen, dass Menschen durch positive Anreize lernen – bloß – wo ist hier der positive Anreiz? Tatsächlich gibt es Meinungen, dass exzessive Schlafprogramme, die ein kontrolliertes „Schreien-Lassen“ propagieren, dazu führen, dass lediglich uralte Reaktionsmuster aktiviert werden: Ich bin allein, ich kann mich nicht verteidigen bei Gefahr, ich bin schutzlos. Also stelle ich mich tot (siehe zB http://kinder-verstehen.de/schlaf/artikel/Schlaf_gut_Baby_Seite_82_bis_85.pdf) Ist das wirklich etwas, das wir für unser Kind wollen?

Babyschlaf-Learning #3: Durchschlafen ist genauso wie allein Einschlafen ein Reifungsprozess. Dieser Reifungsprozess läuft von Kind zu Kind individuell ab und lässt sich nicht beschleunigen. Schlafprogramme tragen nicht zur Reifung bei sondern setzen andere Mechanismen in Gang, die nur scheinbar zu demselben Ergebnis führen.

Jedes Kind schläft anders und manchmal, aber auch nur manchmal haben Eltern Glück und erwischen eins dieser außergewöhnlichen Durchschlafbabys. Spätestens beim zweiten Baby stellt man fest: Temperament und Persönlichkeit unserer kleinen Menschen sind stark vorgegeben. Wir können also weniger richtig oder falsch machen als wir vielleicht beim ersten Kind noch gedacht hatten. Natürlich beeinflussen wir durch unser Verhalten und unseren Umgang mit unseren Kindern ihr Wertesystem. Die Persönlichkeit eines Menschen ist aber weitgehend vorbestimmt.

Babyschlaf-Learning #4: Du bekommst ein fertiges Paket. Lerne es kennen, entdecke seine Persönlichkeit und nimm es wie es ist.

Rumprobieren und im worst case „Schlafprogramme durchziehen“ macht keinen Sinn – im schlimmsten Fall verpasst Du Deinem Kind nur ein nachhaltiges Problem, wenn Du Dich in absurden Programmen verfängst anstatt schlicht auf Dein Kind und seine Ur-Bedürnisse (genau darum handelt es sich nämlich beim nächtlichen Aufwachen) zu hören.

Ich weiß, Ihr seid müde. Aber hier kommt die gute Nachricht: Irgendwann kommt er, der Moment, wo sich der Schlafrhythmus Deines Babys umstellt und elternfreundlicher wird. Lass Deinem Baby Zeit. Du wirst wieder durchschlafen. Versprochen. Je entspannter Du Babys Schlafrhythmus (der übrigens mit kürzeren Durchschlafphasen völlig normal ist) hinnimmst, umso besser wird es.

Hier noch ein paar Buchtipps zum Thema Babyschlaf:

  • William Sears, Schlafen und Wachen
  • Remo Largo, Babyjahre
  • Carlos Gonzáles, In Liebe Wachsen

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