… dass ich als mein erster Sohn im April 2006 zur Welt kam, keine Ahnung hatte, dass Babys getragen werden wollen. Ich hatte die letzten acht Schwangerschafts-Wochen mit Liegen und Lümmeln verbracht, nachdem sich mein Zwerg schon fast entschieden hatte, zu kommen. Jede Menge Zeit zu lesen und zu planen.

Ich las: “Im Durchschnitt schlafen Neugeborene  zwischen 16 und 20 Stunden.”Also plante ich: Was soll ich nur mit so viel Zeit anfangen…

Und dann kam alles anders.

Mein Baby war weit entfernt von 16 – 20 Stunden Schlaf. Mein Baby wachte Tag und Nacht mindestens alle zwei Stunden auf (über 18 Monate hinweg) und wenn es als Neugeborenes 12 – 14 Stunden geschlafen hat, war das schon gut. 12 – 14 Stunden, in denen es auch alle 2 Stunden aufgewacht ist. Den Rest der Zeit wollte mein Baby natürlich nicht in einem Kinderwagen lustig durch die Welt kutschiert werden und es wollte mit Entschiedenheit nicht in ein Bettchen oder auf eine Krabbeldecke gelegt werden. Mein Baby wollte bei mir oder meinem Mann sein. 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche. Und selbst da war stundenlanges, untröstliches Weinen keine Seltenheit. Kurz: Ich hatte ein “high need baby” (den deutschsprachigen Ausdruck kann ich übrigens nicht leiden – Schreibaby klingt in meinen Ohren als würde das Baby mich anschreien, als wäre das eine Form der Aggression).

Also habe ich wieder gelesen, gesucht. Verzweifelt. Nach 6 Wochen war das Tief perfekt, da wollte ich nicht mal mehr rausgehen. Abends habe ich meinen Mann angerufen, dass er doch bitte schnell nach Hause kommen soll, weil ich nicht mehr kann. “Exhausted” sagt man auf Englisch und ich finde das trifft es perfekt. Erschöpft, ratlos, vom allerorts prall leuchtenden Mutterglück keine Spur.

Im Rückblick sage ich über diese Zeit, dass ich einen kleinen, überaus beharrlichen Lehrmeister hatte. Ein Baby, das mich deutlichst über seine Bedürfnisse aufgeklärt hat. Ein Baby, das mir gelernt hat, dass es ein Tragling ist, dass es nicht allein gelassen werden darf, dass es sich so viel besser in der Umarmung der Eltern schläft als im Beistellbett. Ich selbst war nie so das Kuschelkind. Für mich war das also alles Neuland. Aber letztlich stellte ich fest:

Ich lebe mit den Bedürfnissen meines Babys besser als dagegen an.

Das Tragen meines Babys war ein echter Lebensretter. (Und btw: eine gute Mami-Gruppe zum Austausch ist in so einer Situation auch Gold wert!)

Attachment Parenting ist kein Programm sondern eine Suche.

Endlich hatte ich ein “Wundermittel”, um mit dem Weinen zurecht zu kommen. Mein Baby fand so nach und nach zur Ruhe. Nicht sofort, aber kontinuierlich. Und ich hatte eine wunderbare Freiheit wiedergewonnen. Freie Hände, sich bewegen ohne ein schlechtes Gewissen wegen des im Kinderwagen weinenden Kindes. Durchatmen. Aufatmen.

Meine allererste Tragehilfe (ihr seht sie auf dem Foto oben ganz links) war weit entfernt von dem, was man inzwischen als empfehlenswert oder ergonomisch bezeichnet (2006 war das Angebot noch sehr beschränkt). Aber eines war sie: Ein Anker und ein Anfang und ein Ort von Liebe und Geborgenheit.

Nach 12 Wochen war alles viel viel besser, langsam stellte sich das Mutterglück ein und ich hatte endlich das Gefühl, mit meinem Baby in Kontakt zu stehen, zu wissen was es will.

Meine Verbundenheit zum Tragen ist kein Modetrend, kein “Macht-man-so”. Da ist die tiefe Überzeugung, dass ich damit ein wesentliches Mosaik-Steinchen habe, um Bindung aufzubauen, mein Kind zu stärken, Beziehung herzustellen und Nähe zu schaffen, wo es nicht genug Nähe geben kann. Zu jeder Tageszeit, an jedem Ort. Und gleichzeitig ist Tragen für mich pure Freiheit. Kein Weg ist zu steinig, kein Berg zu hoch, keine Schlange vor den U-Bahnaufzügen, kein Hindernis durch Treppen oder enge Passagen.

Tragen ist… Geborgenheit für Babys. Und Freiheit für Eltern.