Bub in der Trotzphase, Autonomiephase„Geh weg!“ sagte mein Sohn Luka als niedlicher dreijähriger Knirps im Bus zu den anderen Passagieren. Genau genommen sagte er es nicht, er schrie es vielmehr regelrecht beschwörend heraus. „Geeeeeh weg!“ Während die entsprechend aufgeforderten Personen großteils unwirsch konterten: „Ich geh nicht weg, geh doch Du weg“ oder „Ich darf genauso mit dem Bus fahren wie Du“, zermartete ich mir den Kopf, was genau er doch damit sagen wollte.

Und dabei lag es aber doch ganz klar auf der Hand, was Luka wollte. Er wollte, dass die angesprochene Person wegging. Er fühlte sich von dem öffentlichen Gedränge überwältigt, gequetscht, eingeklemmt. Und genau das hat er gesagt. Manche Kinder reagieren auf derartige Situationen, indem sie sich hinter ihren Müttern verstecken. Das ist die gesellschaftlich verträgliche Variante für Kinder mit Bedrängnis umzugehen. Luka hingegen hat die direkte Variante gewählt. Und ist damit natürlich angeeckt.

Kein Wunder, ist doch der Prototyp des braven Kindes in unserer Gesellschaft das unsichtbare Kind; ein adrett gekleidetes Musterkind, das still, unauffällig, niemals störend, süß und niedlich auf die Kommunikationsangebote wildfremder Erwachsener eingeht. Selbstverständlich ohne zu spucken oder zu schreien.

Insofern hat es Niklas, mein Zweitgeborener, wesentlich leichter als Luka, der ist eine süße, charmante Rampensau, die so richtig auftaut, wenn sie die Begeisterung der zuschauenden Erwachsenen spürt. Glücklicher Weise entspricht Niklas dann aber doch nicht ganz dem Bild des Musterkindes – er ist doch eine kleine Laus. Gott sei Dank.

Und inzwischen zu meinem kleinen Trio infernal angewachsen, schaffen meine Buben es mittlerweile innerhalb einer Busfahrt den Bogen von „mei, wie liab“ bis hin zu entsetzem Kopfschütteln der anderen Passagiere zu spannen, und das eigentlich mit einer einzigen Verhaltensform: Dem Kind-Sein.

Im Grunde beginnt es ja schon im Babyalter – wenn jemand fragt, ob ein Baby „brav“ ist, ist ja damit gemeint, ob es eh wenig auffällt und das setzt sich dann so fort…

Für mich stellt sich angesichts dieser stetigen Suche Erwachsener nach braven Kindern eigentlich nur mehr die Frage, woher all diese verschrobenen, verqueren, unmöglichen Erwachsenen herkommen, wenn es doch immer nur brave Kinder geben soll.  Vielleicht als Kind zu viel brav gewesen?

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